Michael Wendenburg Online Redaktion

Wie die PDM/PLM-Hürde für kleinere Firmen senken?

Das Portal Engineering.com veröffentlichte vor kurzem eine interessante Studie über den PDM/PLM-Einsatz bzw. Nicht-Einsatz in Unternehmen mit Produktentwicklungsteams von maximal 20 Konstrukteuren: 60 Prozent von ihnen verwalten ihre CAD-Daten noch ohne ein formales Datenmanagement; bestenfalls legen sie sie auf einem gemeinsam genutzten Server-Laufwerk oder in der Cloud ab. Ein Ergebnis, das mich nicht sonderlich überrascht, denn ich besuche immer wieder mittelständische Unternehmen, die erst vor relativ kurzer Zeit eine entsprechende Lösung eingeführt haben. Häufig sind es deren Kunden, die aus Gründen der Compliance auf den PDM/PLM-Einsatz drängen.

Hochspringer

Die Systemhersteller tun sich trotz vorkonfigurierter Mittelstandspakete offensichtlich schwer, kleinere Unternehmen von den Vorteilen des PDM/PLM-Einsatzes zu überzeugen. Und das obwohl die Vorteile auf der Hand liegen. Die Teilnehmer der Studie haben einen der potentiellen Nutzeneffekte im Engineering selbst erwähnt, als sie angaben, 20 bis 25 Prozent ihrer Arbeitszeit mit unproduktiven Blindleistungen zu vergeuden: Der Suche nach Dateien, der Nachbesserung von Modellen aufgrund der Verwendung veralteter Versionsstände, der Neukonstruktion von eigentlich vorhandenen Teilen, die aber nicht auffindbar waren, sowie der Aufbereitung und Weitergabe von Dateien an Kollegen, die keinen direkten Zugang zu den Daten haben.

Ein gewaltiges Potenzial für Produktionssteigerungen im Kernbereich der Produktentwicklung, von den Kosteneinsparungen durch eine höhere Teilewiederverwendung und den Zeiteinsparungen in nachgelagerten Prozessen wie Arbeitsvorbereitung, Fertigung, Qualitätssicherung etc. durch eine effizientere Bereitstellung der Daten ganz zu schweigen. Warum wird es nicht genutzt?

PLM-Experte Oleg Shilovitsky, der die Studie von Engineering.com in einem Blog-Beitrag auf Beyond PLM kommentiert, nennt den Wettbewerb mit dem Status Quo als größtes Hindernis, das die PDM/PLM-Hersteller überwinden müssen. Als Gegenmaßnahme schlägt er ihnen vor, die Ängste der Anwender zu identifizieren, ihnen die möglichen Folgen des Nichtstuns vor Augen zu halten und sie durch Stories über erfolgreiche PDM/PLM-Implementierung und den dadurch erzielten Nutzen zu motivieren. Da frage ich mich, was wir Fachjournalisten eigentlich seit Jahren tun? Offensichtlich dringen wir mit unseren Anwenderberichten nicht zu den richtigen Lesern durch.

Sicher gibt es Unternehmen mit so wenigen Leuten in der Produktentwicklung, dass sie sich auf Zuruf darüber verständigen können, wer gerade mit welchen Dateien arbeitet. Doch schon wenn die Konstrukteure CAD-Daten an die Fertigung oder an externe Fertigungspartner weiter geben müssen, was in aller Regel über unsichere Email-Verbindung erfolgt, besteht die Gefahr, dass Teile nach veralteten Versionsständen gefertigt werden. Das Problem ist, dass es sich um ein potentielles Risiko handelt, das nicht eintreten muss, wenn alle Mitarbeiter die nötige Sorgfalt walten lassen. Aber Fehler passieren nun mal. Die Kosten für die Anschaffung eines PDM/PLM-Systems sind in diesem Fall eine Art von Versicherungsprämie. Bedauerlicherweise wird sie meist erst gezahlt, nachdem das Kind das erste Mal in den Brunnen gefallen ist, d.h. wenn ein kostspieliger Fehler auftreten ist.

Die wichtigsten Gründe für die PDM/PLM-Scheu von Unternehmen mit kleinen Entwicklungsteams sind nach Ansicht von Oleg der zu geringe Mehrwert der Veränderung, was ich in Anbetracht der erwähnten Blindleistungen nicht so ganz nachvollziehen kann, und das hohe (Kosten-)Risiko. Dieses Risiko ist jedoch überschaubar geworden. Viele Hersteller bieten inzwischen Cloud-basierte Software as a Service-Modelle an, die den Installationsaufwand minimieren und dadurch die Einstiegshürden senken. Es gibt sogar PLM-Systeme wie das von Aras, die man kostenlos installieren und testen kann; der Kunde zahlt nur für die Serviceleistungen, die er in Anspruch nimmt. Das Problem ist eher, dass viele kleinere Firmen nicht die Mitarbeiter mit dem entsprechenden PDM/PLM-Know-haben, um sich mit dem Thema ernsthaft auseinanderzusetzen.

Im Unterschied zu Oleg glaube ich auch nicht, dass eine noch tiefere Integration von CAD und PDM/PLM die Lösung ist, obwohl 76 Prozent der Befragten die Datenmanagement-Funktionen am liebsten direkt aus ihrem CAD-System bedienen möchten. PDM/PLM darf jedoch nicht nur ein Werkzeug für die Konstrukteure bleiben, sondern sollte zumindest mittelfristig auch andere Disziplinen bei Aufgaben wie dem Dokumentenmanagement oder dem Freigabe- und Änderungswesen unterstützen. Diese Erkenntnis muss bei den Geschäftsführern dieser Firmen erst noch reifen, die ihre Konstrukteure gerne mit dem Thema PDM/PLM alleine lassen.

Wichtiger als eine tiefe CAD-Integration ist meines Erachtens eine flexible CAD-Integration, die den Konstrukteuren in der frühen Entwicklungsphase nur so viel administrativen Overhead wie unbedingt nötig aufbürdet, damit sie ihrer Kreativität freien Lauf lassen können, und ihre kreative Freiheit erst mit fortschreitendem Reifegrad sukzessive einschränkt. Ebenso wichtig ist eine neu Art der User Experience mit intuitiver zu bedienenden Web-Oberflächen, die sich einfach entsprechend den Anforderungen unterschiedlicher Anwendergruppen und Rollen konfigurieren lassen. Ich würde nicht so weit gehen wie CONTACT-Entwicklungsleiter Frank Patz-Brockmann, der neulich auf der CONTACT Open World sagte, dass PDM/PLM den Anwendern Spaß machen müsse. Ich berichtete darüber in meinem letzten Blog-Beitrag. Aber es sollte ihnen den Spaß an der Arbeit zumindest nicht verderben.

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