Michael Wendenburg Online Redaktion

Was uns die PLM-Geschichte über Future PLM lehrt

Mein geschätzter Blogger-Kollege Ralf Steck lädt uns heute zu einer Geschichtsstunde ein, in der er uns den interaktiven CAD/CAE-Stammbaum vorstellt, den der amerikanische CAD/CAE-Schulungsanbieter Fastway Engineering entwickelt hat. Ich habe vor einiger Zeit mal einen ähnlichen Versuch unternommen, den PLM-Stammbaum nachzuzeichnen, dessen Wurzeln noch etwas jünger sind. Interessanter als der Blick zurück sind die Schlussfolgerungen, die man daraus für Future PLM ableiten kann.

Mangrove

Eigentlich ist der Begriff „Stammbaum“ für die CAD/CAE- oder PLM-Historie etwas irreführend, denn dieser Baum hat keinen Stamm, aus dem im Laufe der Zeit viele Äste und noch mehr Zweige gesprossen sind. Im Gegenteil: Die heute verbleibenden CAD/CAE- und PLM-Systeme ähneln eher Mangrovenbäumen, die aus vielen, eng miteinander verschlungenen Wurzeln zusammengewachsen sind. Oft so eng, dass sie kaum noch zu entflechten sind, was manchmal die Weiterentwicklung der Systeme erschwert.

Über 40 PLM-Systeme waren in der ersten Marktübersicht aufgeführt, die ich vor mehr als 20 Jahren als Chefredakteur der Zeitschrift EDM REPORT erstellt habe. Damals sprach man noch nicht von PLM, ja nicht einmal von PDM, sondern von EDM (Engineering Data Management), aber der Anspruch der Hersteller war auch damals schon der, den gesamten Produktlebenszyklus zu unterstützen. Ein Anspruch, dem die Systeme inzwischen zwar von der Funktionalität gerecht werden, aber nicht unbedingt vom installierten Funktionsumfang. Viele PLM-Installationen sind immer noch nicht weit über das Produktdatenmanagement hinausgekommen, wie ich vor einiger Zeit in einem Blogbeitrag für CONTACT Software dargelegt habe.

Die meisten der damals aufgeführten Systemanbieter gibt es schon lange nicht mehr. Ihre EDM- oder PLM-Systeme haben z.T. mehrfach den Besitzer gewechselt und fristen bestenfalls ein Schattendasein als Auslaufmodelle, weil sich die heutigen Eigner nicht mal mehr die Mühe machen, sie offiziell abzukündigen. Und es sind nicht gerade die kleinsten Anbieter, die vom Markt verschwunden sind. Wer erinnert sich heute noch an Sherpa, wer an ADRA Systems (Matrix) und wer (mit Ausnahme der Anwender bei Daimler) an Metaphase? So viel also zum Thema Investitionssicherheit bei der Entscheidung für die angeblich so großen, international tätigen PLM-Hersteller.

Die deutschen PLM-Anbieter hingegen tauchen in den renommierten Marktübersichten von CIMdata & Co. nicht oder nur unter ferner liefen auf. Dabei gehören gerade CONTACT oder PROCAD nicht nur zu den wenigen deutschen Anbietern, die die Konsolidierung des PLM-Marktes heil überstanden haben, sondern auch zu den wenigen Anbietern weltweit, die eine fast makellose Produkthistorie vorzuweisen haben. Soll heißten, sie haben ihre PLM-Systeme ohne ständige Übernahmen weitgehend aus eigener Kraft zu dem entwickelt, was sie heute sind. Ihre Anwender sind dadurch von aufwendigen Systemwechseln und Migrationen weitgehend verschont geblieben, was nicht bedeutet, dass sie nicht auch den einen oder anderen Generationswechsel hätten erdulden müssen. Aber dafür kamen sie dann auch meist in den Genuss einer neuen Architektur statt einer Verschmelzung von verschiedenen Architekturen zu einem noch mächtigeren Monolithen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Klagen über die mangelnde Offenheit und die Schwerfälligkeit mancher PLM-Monolithen, die im Zusammenhang mit der Diskussion um Future PLM immer wieder geäußert werden, ihre Wurzeln unmittelbar in der Entwicklungsgeschichte der Systeme haben. Man braucht sich nur mal das Sammelsurium an Software-Werkzeugen anzuschauen, das die großen, international führenden PLM-Hersteller in den letzten Jahren zusammengekauft haben, um zu verstehen, wie viel Entwicklungsaufwand da in die Integration des Bestehenden geflossen ist. Geld und Zeit, die nicht für die Entwicklung von etwas ganz Neuem zur Verfügung standen, denn man kann den Dollar und auch den Euro bekanntlich nur einmal ausgeben.

Unternehmen, die auf der Suche nach einem (neuen) PLM-System sind, sollten deshalb aus der Geschichte der letzten 20 Jahre die Lehre ziehen, dass Größe und große Namen allein keine Garantie für Investitionssicherheit ist. Das zukunftssicherste PLM-System ist eine offene und modulare Software, die ganz oder teilweise in der Cloud betrieben, gegebenenfalls um Applikationen von Drittanbietern erweitert, ohne hohe Kosten aktualisiert und im Fall des Falles ohne riesigen Aufwand auf eine andere Lösung migriert werden kann. Wie aufwendig PLM-Migrationen sein können, habe ich vor kurzem in einem anderen Blog-Beitrag geschildert.

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