Michael Wendenburg Online Redaktion

Supply Chain: Die Pyramide muss geschleift werden

Das Outsourcing hat in den letzten Jahrzehnten zur Herausbildung hierarchisch strukturierter Supply Chains geführt. Ich frage mich, ob dieses Modell im Zeitalter der intelligenten Vernetzung von Produkten und Dienstleistungen noch zeitgemäß ist? Um der Dynamik der Märkte Rechnung zu tragen, brauchen wir anders strukturierte Zulieferer-Netzwerke, in denen die Bedeutung des Partners nicht von seiner Firmengröße, sondern seiner Kompetenz abhängt.

Zulieferpyramide

Die pyramidale Supply Chain in der Automotive-Industrie mit den OEMs an der Spitze und dem starken Mittelbau der großen Systemlieferanten (Tier1), die wiederum die Zulieferer der zweiten und dritten Reihe an der Basis koordinieren und kontrollieren, war lange Zeit Vorbild für andere Branchen. Zunächst ahmten Airbus und Co. die Automobilhersteller nach, und inzwischen sind ähnliche Tendenzen zur Hierarchisierung auch im Schiffbau zu erkennen, wo oft Hunderte von Zulieferern an einem Projekt beteiligt sind.

Der „Pyramidenbau“ reduziert den Koordinationsaufwand aus Sicht der OEMs, indem er ihn auf die Supply Chain verteilt; ob er ihn insgesamt reduziert, wage ich allerdings zu bezweifeln. Das Hauptproblem jedoch ist, dass die Position in der Hierarchie oft von der Firmengröße und nicht notwendigerweise von der Kompetenz des Zulieferers bzw. der strategischen Bedeutung seiner Kompetenz abhängt. Im Zeitalter der Mechatronik fiel das noch zusammen – die Boschs und Contis dieser Welt waren nicht nur groß, sondern hatten auch mehr Elektronik- und Software-Know-how als jeder Automobilhersteller. Aber das muss im Zeitalter von Industrie 4.0 und Internet of Things (IoT) nicht so bleiben.

Die Entwicklung cybertronischer, d.h. smart vernetzter Produkte und Services stellt die bestehenden Strukturen in zweifacher Hinsicht in Frage. Zum einen habe die OEMs inzwischen erkannt, dass bestimmte Kompetenzen, die sie in den vergangenen Jahrzehnten ausgelagert haben, für Themen wie das Autonome Fahren bzw. die Vernetzung des Fahrzeugs mit seiner Umwelt von strategischer Bedeutung sind. Deshalb versuchen sie, dieses Know-how wieder ins Haus zu holen. Zum anderen ist das Modell zu einseitig auf das Engineering fokussiert und zu starr, um mit der Dynamik der Märkte Schritt zu halten. Wie z.B. eine kleine Startup-Firma einbinden, deren App für den Erfolg neuer Service-Modelle aber von entscheidender Bedeutung sein kann?

Die Entwicklung smart vernetzter Produkte und Services erfordert eine intelligentere Vernetzung der Zulieferer, um dynamisch auf neue Marktanforderungen reagieren und auch branchenfremde Partner mit bestimmten Kompetenzen schneller integrieren zu können. Das kann z.B. ein Spezialist sein, der in enger Zusammenarbeit mit anderen Partnern den Lead für Entwicklung, Betrieb oder Service bestimmter Subsysteme übernimmt. In diesen Netzwerken wird die Kommunikation der Partner untereinander ebenso wichtig sein, wie die mit ihrem Auftraggeber – sei es nun ein OEM oder ein Tier1-Supplier.

Das Problem ist, dass die heutigen IT-Systemlandschaften schon für die Collaboration in der Zulieferpyramide nicht optimal ausgelegt sind. Die PLM-Systeme unterstützen zwar die internen Collaboration-Prozesse, tun sich aber schwer mit dem Sharing von Daten und der Abstimmung von Prozessen über Unternehmensgrenzen hinweg. Die Lösungen für den asynchronen Datenaustausch sind eigentlich für Punkt-zu-Punkt-Verbindungen zwischen OEM und Partner gedacht, aber nicht für 1:n-Verbindungen zwischen OEM und mehreren Partnern und noch weniger für n:n-Verbindungen der Partner untereinander.

Wir benötigen deshalb eine neue Art von PLM-Systemen bzw. eine neue Art von Collaboration-Plattformen mit leistungsfähigen PLM-Funktionen für Versionsverwaltung, Änderungsmanagement, Projekt-Management etc., um nicht nur die Daten sharen zu können, sondern auch die maximale Transparenz im Projektgeschehen zu gewährleisten. Notwendige Voraussetzung dafür ist einerseits die Standardisierung der Daten, andererseits aber auch eine bessere Kontrolle und Analyse der Daten. Schuld an der mangelnden Transparenz sei nämlich nicht zu wenig, sondern zu viel Information, wie Global Manufacturing in dem Beitrag Industry 4.0: The urgency of data standardization schreibt.

Brauchen wir dafür neue Standards? Nicht unbedingt, meint Dr. Steven Vettermann, Geschäftsführer des ProSTEP iViP-Vereins im jüngsten PROSTEP-Newsletter. Für Standards gelte das Gleiche wie für Produkte und Services; man könne sie intelligent miteinander vernetzen.

Weitere Beiträge auf wendenburg.net Seite 1

07.12.2018
Wenn die digitale Transformation eine Reise ist, wie Kathleen Mitford, Executive Vice President Products and Market Strategy, zum Auftakt des PTC Forums Europe sagte, dann hatten die Teilnehmer in diesem Jahr einige Mühe mit der “Reiseplanung”. In sechs parallel laufenden Sessions bot die... Artikel weiterlesen
13.11.2018
Fast Track to Digital Transformation lautete das Leitmotiv der ACE 2018 Europe, der europäischen Anwenderkonferenz von PLM-Hersteller Aras, die in diesem Jahr in Hamburg stattfand. Mit etwa 350 Teilnehmern war die zweitägige Veranstaltung noch besser besucht als die des Vorjahres. Meine Gespräche... Artikel weiterlesen
26.10.2018
Das 3DEXPERIENCE Forum von Dassault Systèmes fand in diesem Jahr an einem Ort statt, der die industrielle Transformation treffend charakterisiert: Die Lokhalle in Göttingen, ein 1917 erbautes Denkmal der Industriekultur, in der früher Dampflokomotiven gewartet wurden, und die heute als Event Location... Artikel weiterlesen
08.10.2018
Nach einer längeren kreativen Pause melde ich mich zurück mit meinen Eindrücken vom Munich PLM Symposium, das vom Institut für Engineering Design of Mechatronic Systems & PLM der Hochschule für Angewandte Wissenschaften München ausgerichtet wird. Mit ca. 140 Teilnehmern hat sich die Veranstaltung,... Artikel weiterlesen
27.04.2018
Vor ein paar Tagen besuchte ich im MOC Veranstaltungscenter in München das prostep ivip Symposium 2018. Mit 700 Teilnehmern von mehr als 200 Anwenderfirmen, IT-Vendoren und Hochschulinstituten aus 21 Ländern verzeichnete das internationale Familientreffen der PLM-Branche einen neuen Besucherrekord.... Artikel weiterlesen
16.04.2018
Auf ihrem North American Industry and Market Forum in Ann Arbor, Michigan präsentierte die Marktforschungsfirma CIMdata vor kurzem die Zahlen zur Entwicklung des PLM-Marktes und die aktuellen Trends. Oleg Shilovitsky berichtete darüber in einem Blogbeitrag auf Beyond PLM, auf den ich mich beziehe,... Artikel weiterlesen
31.03.2018
Rund zwei Jahre ist es her, dass eine Reihe von PLM-Experten aus Industrie und Forschung auf Initiative von Conweaver in einem Workshop darüber diskutierten, wie sich PLM neu erfinden muss, um die Herausforderungen bei Entwicklung, Fertigung und Betrieb smart vernetzter Produkte und Produktionssysteme... Artikel weiterlesen
09.03.2018
Der Nutzen von PLM ist für die meisten Unternehmen nicht greifbar. Das war die ernüchternde Erkenntnis des PLMPulse Surveys 2017, der auf der PI PLMx im Hamburg vorgestellt wurde. Ohne den Marktforschern zu nahe treten zu wollen, glaube ich, dass das so nicht stimmt. Vielleicht hat man auch einfach... Artikel weiterlesen