Michael Wendenburg Online Redaktion

Sind Mittelständler digitale Neurotiker?

HILFE! Jetzt werden auch noch die Psychologen bemüht, um zu untersuchen, warum es im Mittelstand mit der digitalen Transformation nicht so richtig vorangeht. Das Digital Business Magazin berichtete vor ein paar Tagen über die von der Innovation Alliance in Auftrag gegebene Studie Psychologie der Digitalisierung, die herauszufinden versucht, was die Entscheider im Mittelstand über die Digitalisierung denken. Der Erkenntnisgewinn der Studie ist leider ebenso dürftig wie manche Interpretationen fragwürdig.

Psychiater

Zu den herausragenden Ergebnissen der Studie gehört die Erkenntnis, dass 55 Prozent der Unternehmen nach dem Gefühl der Entscheider mit der Digitalisierung noch am Anfang stehen oder gerade mal erste Schritte unternehmen; erst 12 Prozent haben die Hälfte oder mehr des Weges geschafft haben. Nicht gerade neue Erkenntnisse und auch keine, die besonders belastbar wären. Wie soll jemand eigentlich die zurück gelegte Wegstrecke beurteilen, wenn er gar nicht genau weiß, welche Herausforderungen zu bewältigen sind?

Die meisten Entscheider betrachten die Digitalisierung als große Herausforderung, die ihren Mitarbeitern ungewöhnlich Fähigkeiten abverlangt. Auch das hat man schon mal irgendwo gelesen. Aber immerhin haben wir es jetzt schwarz auf weiß: Männer sind die größeren Angsthasen: 35 Prozent der befragten Männer, aber nur 28 Prozent der Frauen haben Angst vor der Digitalisierung, die Hälfte der Entscheider empfindet sie als Wagnis und drei Viertel betrachten sie als rationale Pflichtveranstaltung. Was wäre denn die wünschenswerte Alternative? Der Entscheider als Digitalisierungs-Freak?

Wenn die Hälfte der Befragten die Digitalisierung als Wagnis betrachtet, darf man nach der Regel des halbvollen bzw. halbleeren Glases wohl annehmen, dass die andere Hälfte eher die Chancen sieht. Positive Emotionen löst die Digitalisierung besonders bei IT, Human Resources und Marketing aus, während Management und Controlling das Thema nüchterner sehen. Gleichzeitig bestehen in der IT „interessanterweise“ die größten Vorbehalte, wie die Autoren der Studie anmerken. Interessanter wäre es meines Erachtens gewesen, wenn sie versucht hätten, diesen Widerspruch aufzulösen, der ein klassischer Fall von Schizophrenie zu sein scheint. Aber das ist gar nicht ihre eigentliche Intention.

Wie bei den meisten dieser Studien dieser Art geht es in erster Linie darum, Kompetenz zu demonstrieren, um Beratung oder ähnliche Dienste zu verkaufen. Und dazu muss man den Kunden erst mal klar machen, dass sie dringend Beratung benötigen. Wenn man die vielen Studien über die Herausforderungen von Industrie 4.0, Internet of Things oder Digitalisierung für mittelständische Unternehmen als Maßstab nimmt, muss das Beratungsgeschäft im Mittelstand boomen.

Hinter der Innovation Alliance steckt ein Bündnis von Technologieanbieter Cisco und elf mittelständischen, deutschen IT-Unternehmen, die sich zusammengetan haben, um dem Mittelstand bei der Digitalisierung zu helfen. Das ist durchaus legitim, und ich will auch nicht in Abrede stellen, dass viele Mittelständler bei der digitalen Transformation durchaus etwas Unterstützung brauchen können. Nur wage ich zu bezweifeln, dass die Studie darüber Aufschluss gibt, wo genau sie unterstützt werden sollten. Es sei denn, man will sie erst mal zum Psychologen schicken, damit er ihnen etwas mehr Zuversicht macht.

Wer die falschen Fragen stellt bekommt oft falsche Antworten, d.h. Antworten, die nicht brauchbar sind. Der Skepsis des Mittelstands ist nicht mit Psychologie beizukommen, sondern mit klaren Rezepten, welche Schritte die Unternehmen wählen sollten, um die Chancen der Digitalisierung optimal zu nutzen. Am besten gleich mit einem Beipackzettel über die möglichen Auswirkungen und Nebenwirkungen.

Bedenklich stimmt mich eine Erkenntnis der Studie, die das Digital Business Magazin eher am Rande erwähnt, obwohl sie meiner Ansicht nach im Mittelpunkt stehen sollte. In die Digitalisierungsentscheidungen sind an erster Stelle die IT und an zweiter das Management involviert, gefolgt von Produktion, Vertrieb und Marketing. Was ist eigentlich mit der Produktentwicklung, frage ich mich? Die Studie erwähnt zwar, dass die Entscheider in Forschung & Entwicklung der Digitalisierung gelassener gegenüberstehen als z.B. die Produktion, vermittelt aber den Eindruck, dass sie bei den Entscheidungen dann nicht gehört werden. Das ist nicht ganz schlüssig.

Auch dem bodenständigsten Mittelständler dürfte klar sein, dass die digitale Transformation nur gelingen kann, wenn sie da ansetzt, wo die meisten Produktdaten in digitaler Form entstehen. Die Digitalisierung der Produktentwicklung und die Schaffung eines digitalen Masters sind zwingende Voraussetzung für die durchgängige Nutzung der digitalen Produktdaten über alle Phasen des Produktlebenszyklus hinweg. Ohne digitalen Master gibt es z.B. keinen digitalen Zwilling, mit dem sich Produkte unter Nutzung von Sensordaten aus dem Betrieb simulieren und optimieren lassen. Wenn die Digitalisierung in den Köpfen der Entscheider anfängt, wie die Studie postuliert, dann würde mich an erster Stelle interessieren, was die Entscheider in der Produktentwicklung über diese Themen denken.

Weitere Beiträge auf wendenburg.net Seite 1

07.12.2018
Wenn die digitale Transformation eine Reise ist, wie Kathleen Mitford, Executive Vice President Products and Market Strategy, zum Auftakt des PTC Forums Europe sagte, dann hatten die Teilnehmer in diesem Jahr einige Mühe mit der “Reiseplanung”. In sechs parallel laufenden Sessions bot die... Artikel weiterlesen
13.11.2018
Fast Track to Digital Transformation lautete das Leitmotiv der ACE 2018 Europe, der europäischen Anwenderkonferenz von PLM-Hersteller Aras, die in diesem Jahr in Hamburg stattfand. Mit etwa 350 Teilnehmern war die zweitägige Veranstaltung noch besser besucht als die des Vorjahres. Meine Gespräche... Artikel weiterlesen
26.10.2018
Das 3DEXPERIENCE Forum von Dassault Systèmes fand in diesem Jahr an einem Ort statt, der die industrielle Transformation treffend charakterisiert: Die Lokhalle in Göttingen, ein 1917 erbautes Denkmal der Industriekultur, in der früher Dampflokomotiven gewartet wurden, und die heute als Event Location... Artikel weiterlesen
08.10.2018
Nach einer längeren kreativen Pause melde ich mich zurück mit meinen Eindrücken vom Munich PLM Symposium, das vom Institut für Engineering Design of Mechatronic Systems & PLM der Hochschule für Angewandte Wissenschaften München ausgerichtet wird. Mit ca. 140 Teilnehmern hat sich die Veranstaltung,... Artikel weiterlesen
27.04.2018
Vor ein paar Tagen besuchte ich im MOC Veranstaltungscenter in München das prostep ivip Symposium 2018. Mit 700 Teilnehmern von mehr als 200 Anwenderfirmen, IT-Vendoren und Hochschulinstituten aus 21 Ländern verzeichnete das internationale Familientreffen der PLM-Branche einen neuen Besucherrekord.... Artikel weiterlesen
16.04.2018
Auf ihrem North American Industry and Market Forum in Ann Arbor, Michigan präsentierte die Marktforschungsfirma CIMdata vor kurzem die Zahlen zur Entwicklung des PLM-Marktes und die aktuellen Trends. Oleg Shilovitsky berichtete darüber in einem Blogbeitrag auf Beyond PLM, auf den ich mich beziehe,... Artikel weiterlesen
31.03.2018
Rund zwei Jahre ist es her, dass eine Reihe von PLM-Experten aus Industrie und Forschung auf Initiative von Conweaver in einem Workshop darüber diskutierten, wie sich PLM neu erfinden muss, um die Herausforderungen bei Entwicklung, Fertigung und Betrieb smart vernetzter Produkte und Produktionssysteme... Artikel weiterlesen
09.03.2018
Der Nutzen von PLM ist für die meisten Unternehmen nicht greifbar. Das war die ernüchternde Erkenntnis des PLMPulse Surveys 2017, der auf der PI PLMx im Hamburg vorgestellt wurde. Ohne den Marktforschern zu nahe treten zu wollen, glaube ich, dass das so nicht stimmt. Vielleicht hat man auch einfach... Artikel weiterlesen