Michael Wendenburg Online Redaktion

Risiken von Industrie 4.0 nicht unterschätzen

In der Berichterstattung über Industrie 4.0 überwiegen die Beiträge, die die Chancen einer intelligenten Vernetzung von Produkten und Produktionssystemen betonen. Seltener ist von den Risiken zu lesen, die sich durch die disruptiven Kräfte des technologischen Wandels für die deutschen Unternehmen ergeben. Darauf weist zurecht Karsten Theis, Vertriebsleiter der PROSTEP AG, im jüngsten Newsletter des Unternehmens hin. Viele Unternehmen werden nicht überleben, wenn sie die Herausforderung der digitalen Transformation nicht rechtzeitig annehmen.

Herausforderungen Industrie4.0

Um von der vierten industriellen Revolution nicht gefressen zu werden, reicht es nicht aus, Maschinen, Anlagen und Produktionssysteme intelligent miteinander zu vernetzten. Es kommt auch darauf an, die richtigen Produktionsverfahren auszuwählen. Nicht nur im Prototypenbau, sondern auch in der Serienfertigung drohen Additive Fertigungsverfahren die traditionellen Fertigungsverfahren über kurz oder lang, wenn nicht vollständig zu ersetzen, dann doch zumindest zu ergänzen. Theis weist auf die Gefahren hin, die das für die Fertigungsindustrie bedeutet:

Neue Technologien, besonders die Additiven Fertigungsverfahren ermöglichen die Gestaltung neue Produkte mit einer noch höheren Individualisierung, die on demand gefertigt werden können. Sie schicken sich an, die Logistikketten in der Ersatzteilversorgung zu revolutionieren. Die Schattenseite ist, dass etliche der klassischen Fertigungsbetriebe und Dienstleister aus den Lieferketten herausfallen werden, weil ihr Know-how nicht mehr gefragt ist. Die Intellectual Property dieser Firmen wird gewissermaßen wertlos!

Gerade mittelständische Unternehmen tun sich schwer zu entscheiden, wo sie mit der digitalen Transformation anfangen sollen, obwohl ihn ihren Produkten oft schon Potenzial für zusätzliche Dienstleistungsangebote steckt. Die meisten Unternehmen fangen nicht bei null an, wie Prof. Rainer Anderl, Leiter des Fachgebiets Datenverarbeitung in der Konstruktion (DiK) an der TU Darmstadt mal in einem Interview sagte.

Das DiK hat zusammen mit dem VDMA einen Leitfaden für Industrie 4.0 Assessments erarbeitet, der jetzt von PROSTEP für so genannte Industrie 4.0 Readyness Workshops genutzt wird. In diesen Workshops geht es darum, die aktuellen Industrie 4.0-Kompetenzen des betreffenden Unternehmens zu erfassen, die Ziele für die nächsten Jahre zu definieren und Quick Wins zu identifizieren. PROSTEP hat den methodischen Werkzeugkasten um PLM-spezifische Kriterien erweitert, um gleichzeitig die PLM-Fähigkeiten des Unternehmens zu analysieren und festzustellen, wo die PLM-Bebauung gegebenenfalls verändert werden muss.

PLM ist eine der Schlüsseltechnologien für Industrie 4.0 und die digitale Transformation. Allerdings sind die heute eingesetzten PLM-Werkzeuge und -Systeme nicht ausreichend, um die Herausforderungen bei der Entwicklung komplexer, smart vernetzter Produkte und Produktionssysteme bewältigen zu können. Noch weniger sind sie dafür ausgelegt, neue, serviceorientierte Geschäftsmodelle zu unterstützen, bei denen z.B. Sensordaten aus dem Feld übertragen und ausgewertet werden müssen, um die Produkte im laufenden Betrieb optimieren zu können. Der PLM-seitig zu unterstützende Produktlebenszyklus erstreckt sich bis in die Betriebsphase, so dass auch alle Veränderungen der Produktkonfiguration im laufenden Betrieb im PLM-System gemanagt werden müssen.

Der Wandel von traditionellen Produkten zu cyberphysischen Systemen, die mit Software und Elektronik ausgestattet und zudem noch vernetzt sind, erfordere die Beherrschung von interdisziplinärem Know-how, sowohl für die Produktentwicklung, als auch für die Prozessgestaltung, konstatieren die Autoren des PROSTEP-Whitepapers Smart Engineering: Was Industrie 4.0 für PLM bedeutet?. Ihrer Ansicht nach bieten domänenspezifische IT-Werkzeuge und -Methoden zu wenig Unterstützung für den interdisziplinären Engineering-Prozess, weshalb sie die Integration von Werkzeugen und Methoden des Model Based Systems Engineerings (MBSE) in die PLM-Prozesse und –Systeme empfehlen.

Der wachsende Funktionsumfang, den PLM-Infrastrukturen bieten müssen, erfordert nach Überzeugung viele PLM-Experten eine andere Art von PLM-Systemen. Monolithische Software-Architekturen sind nicht flexibel genug, um die Funktionalität mit vertretbarem Aufwand und der erforderlichen Agilität implementieren zu können. Oder wie die Autoren des Whitepapers es formulierten: Die wachsende Komplexität der interdisziplinären Produktentwicklung lässt sich nur durch eine modulare Gesamtarchitektur, bestehend aus förderativen Teilsystemen mit intelligent vernetzten Informationen, beherrschbar machen. Offenheit und Integrationsfähigkeit sind deshalb Kernanforderungen an ein zukunftsfähiges PLM-System.

Weitere Beiträge auf wendenburg.net Seite 1

18.11.2017
Der Platform Economy gehört die Zukunft. Deshalb reden auch die PLM-Hersteller nur noch von Plattformen, obwohl jeder etwas anderes darunter versteht. PTC lancierte auf dem PLM Forum Europe in Stuttgart den neuen Markennamen „Industrial Innovation Platform“ für die ThingWorx-Produktfamilie von... Artikel weiterlesen
01.11.2017
Eine der großen Hürden für eine durchgängige Digitalisierung der Geschäftsprozesse ist der Umbau der bestehenden PLM-Architekturen, mit dem Ziel, PLM, Application Lifecycle Management (ALM) und Service Lifecycle Management (SLM) im Sinne des System Lifecycle Management-Ansatzes besser zu vernetzen.... Artikel weiterlesen
26.10.2017
Vor einigen Tagen fand in Berlin die Siemens PLM Connection 2017 statt, das Treffen der europäischen User Community von Siemens PLM. Mit 1.160 Kundenvertretern, Partnern, Mitarbeitern von Siemens PLM und Fachjournalisten aus 32 Ländern verzeichnete die Veranstaltung einen neuen Besucherrekord. Am ersten... Artikel weiterlesen
23.10.2017
In einem seiner letzten Blog-Beiträge warf Oleg Shilovitsky die Frage auf Which PLM Will Climb First to Discover Blockchain Opportunity? Ich bin zugegebermaßen kein Experte für die Blockchain, aber in meinen Gesprächen mit den PLM-Spezialisten von PROSTEP habe ich herausgefunden, dass die Technologie,... Artikel weiterlesen
14.10.2017
Die jährliche Tagung des Lehrstuhls für Virtuelle Produktentwicklung (VPE) der TU Kaiserslautern hat sich zu einem wichtigen Treffpunkt für PLM-Experten entwickelt, die über den Tellerrand des Produkt Lifecycle Managements hinausblicken wollen. 140 Teilnehmer trafen sich in diesem Jahr im Brauhaus... Artikel weiterlesen
10.10.2017
Politische Beiträge sind auf einem PLM-Blog eigentlich fehl am Platze, es sei denn, sie würden sich mit der unbefriedigenden Digitalisierungspolitik unserer Bundesregierung beschäftigen. Aus aktuellem Anlass möchte ich jedoch heute eine Ausnahme machen und zu den Unabhängigkeitsbestrebungen der... Artikel weiterlesen
04.10.2017
Seit etwa 20 Jahren bemühen sich die PLM-Hersteller darum, die Bedienerfreundlichkeit ihrer Anwendungen zu verbessern. Offensichtlich mit eher mäßigem Erfolg, wie Oleg Shilovitsky vor ein paar Tagen in einem Blog-Beitrag über Complexity of Data Models and User Interface in PLM konstatierte. Das hängt... Artikel weiterlesen
25.09.2017
Hackerattacken werden zu einer wachsenden Bedrohung, schrieb das Handelsblatt vor ein paar Tagen. Keine neue Erkenntnis, denn sie hat längst die Versicherungswirtschaft auf den Plan gerufen. Weltweit eine Milliarde US-Dollar geben Unternehmen für so genannte Cyberpolicen aus, die sie gegen Angriffe... Artikel weiterlesen