Michael Wendenburg Online Redaktion

PTC LiveWorx 2019 oder die Wiederentdeckung von PLM

Leider hatte ich nicht die Möglichkeit, die diesjährige PTC LiveWorx in Boston zu besuchen. Eine gute Zusammenfassung der wichtigsten Keynotes finden Sie auf Engineering.com. Mit mehr als 6.500 Teilnehmern war die Veranstaltung vollständig ausgebucht. Ob sich der Besuch für sie gelohnt hat, ist schwer zu sagen. Wenn ich die Posts voller Fotos meines Blogger-Kollegen Oleg Shilovitsky richtig interpretiere, bekam er auf der Veranstaltung viel zu sehen, aber nur wenige wichtige Neuigkeiten zu hören. Die vielleicht wichtigste ist die, dass PTC das Thema PLM wieder entdeckt hat: PLM is cool. Und noch eine interessante News, über die Engineering.com berichtet: Die nächste LiveWorx wird möglicherweise mit Rockwells jährlich stattfindender Automation Fair zusammengelegt.

LiveWorx19_Keynote

Jahrelang konnte man beim Besuch von PTC-Veranstaltungen den Eindruck gewinnen, als drehe sich alles nur noch um ThingWorx und das Internet of Things. IoT sei das neue PLM, sagte PTC-CEO Jim Heppelmann mal bei Gelegenheit. Inzwischen scheint sich der PLM-Herstellern wieder stärker auf seine Wurzeln und sein Kerngeschäft zu besinnen: The foundation of everything is CAD and PLM. Without CAD and PLM, or more clear, without PLM and product data, you cannot leverage the power of connectivity, augmentation, and new IoT driven processes, resümmiert Oleg die Botschaft von Heppelmann. Wenn der PTC-Chef von CAD-Renaissance spricht, meint er damit allerdings nicht die gute alte parametrische Konstruktion, die das Unternehmen groß gemacht hat, sondern neue Hype-Themen wie AI-unterstütztes generatives Design, Echtzeit-Simulation und 3D-Druck.

PTC hat in den letzten Jahren sehr viel Geld in die Erweiterung seines Produktportfolios in Richtung Augmented Reality, Artificial Intelligence und IoT investiert. Darüber scheinen einige Entwicklungsaufgaben in den klassischen Anwendungsbereichen liegengeblieben zu sein. Folgende Passage aus dem Bericht von Michael Alba auf Engineering.com sagt eigentlich alles: Before heading to the final keynote, we visited one of the liveliest recurring LiveWorx sessions. The Ask the Experts: Creo panel saw about a dozen Creo product managers occupy the hot seat as expert users grilled them about their frustrations and feature requests. “That’s on our roadmap” was the oft-repeated response to the 30 or so user questions, though no definitive timelines were ever given, and many users will likely voice the same concerns at LiveWorx 2020.

Auch im PLM-Bereich dauert manches länger als ursprünglich geplant und angekündigt. Wir erinnern uns: Vor nunmehr acht Jahren übernahm PTC die Firma MKS, deren Software Integrity dazu dient, sämtliche Aktivitäten und Werkzeuge rund um die (embedded) Software-Entwicklung einschließlich des Quellcodes und der Testläufe zu verwalten und zu koordinieren. Seitdem warten die Kunden auf die angekündigte Integration von ALM- und PLM-Lösung, mit der PTC – so die damalige Ankündigung von Heppelmann – die Art und Weise revolutionieren wollte, wie Produkthersteller Hard- und Software in ihre Produkte integrieren können.

Kurz vor der PTC LiveWorx veröffentlichte PTC nun eine Pressemitteilung mit der etwas verwirrenden Überschrift Comprehensive Digital Twin is Realized by Incorporating all Product Components Under the Windchill Brand. Was uns der PLM-Hersteller damit sagen will ist, dass die PLM-Plattform Windchill (endlich) um Funktionen für Systems Engineering und Software Management erweitert wird, die bislang Bestandteil der Integrity-Produktfamilie waren. Die erweiterte PLM-Lösung soll ab Sommer verfügbar sein. PTC sei damit der einzige, führende PLM-Anbieter, der alle diese Collaboration Lifecycle-Produkte unter einem Dach vereine, heißt es in der Pressemitteilung weiter, was nicht mehr ganz den Tatsachen entspricht: Siemens PLM hat mit Polarion und Teamcenter eine ähnliche ALM-PLM-Kombination am Start.

Intelligent vernetzte Produkte erfordern von den Herstellern die Harmonisierung der mechanischen und elektrischen Komponenten mit der Software, begründet PTC die überfällige ALM-PLM-Integration. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, bietet Windchill jetzt eine integrierte Verknüpfung zwischen seinen nativen Produktdatenmanagement-Funktionen und dem System-Engineering, dem Anforderungsmanagement, dem Quellcode-Management und dem Testen – leistungsstarke Funktionen, die den aktuellen Integrity-Produkten eigen sind, die unter Windchill umbenannt werden. Interessant finde ich, dass PTC für die Integration bzw. Verlinkung der Informationen in beiden Systemwelten den offenen OASIS-Standard OSLC (Open Services for Lifecycle Integration) nutzen wird, in Ergänzung zu eigenen Funktionen aus ThingWorx Flow.

Dass sich PTC jetzt wieder stärker auf das CAD- und PLM-Geschäft konzentriert, hängt möglicherweise damit zusammen, dass das Unternehmen im Zuge der Umstellung des Lizenzmodells von Kauf- auf Mietlizenzen in seinem Kerngeschäft Marktanteile eingebüßt hat. Während der weltweite PLM-Markt den Zahlen von CIMdata zufolge im letzten Jahr um 9,4 Prozent auf 47,8 Milliarden US-Dollar zulegen konnte, wuchs der GAAP-Umsatz (GAAP steht für Generally Accepted Accounting Principles) von PTC im Geschäftsjahr 2018 nur um 6,7 Prozent auf 1,242 Milliarden US-Dollar; und darin sind auch die überproportional wachsenden IoT-Umsätze enthalten. Auf das Geschäft mit cPDm-Software und -Services, das heißt mit anderen Worten Windchill, entfielen nach Schätzungen CIMdatas rund 400 Millionen US-Dollar; vor drei Jahren waren es noch 600 Millionen US-Dollar.

Allerdings hat sich der Gewinn nach Steuern von PTC im selben Zeitraum von sechs auf 52 Millionen US-Dollar erhöht. Das deutet darauf hin, dass die Transition des Lizenzmodells weitgehend abgeschlossen ist. Die Lizenz und Subskriptionsumsätze erreichten im vierten Quartal 149 Millionen US-Dollar, mit einem Subskriptionsmix von 81 Prozent. Auf das Jahr hochgerechnet stiegen die rekurrierenden Lizenzumsätze im vierten Quartal um 61 Prozent auf 544 Millionen US-Dollar.

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