Michael Wendenburg Online Redaktion

PTC Forum Europe: IoT als Basis der Industrial Innovation Platform

Der Platform Economy gehört die Zukunft. Deshalb reden auch die PLM-Hersteller nur noch von Plattformen, obwohl jeder etwas anderes darunter versteht. PTC lancierte auf dem PLM Forum Europe in Stuttgart den neuen Markennamen „Industrial Innovation Platform“ für die ThingWorx-Produktfamilie von IoT- und Augmented Reality-Anwendungen. Und was wird aus PLM, fragte sich mancher Nostalgiker? PLM sei gleich IoT, weil IoT erst den Kreislauf zwischen digitaler und realer Produktwelt schließe, betonte Kathleen Mitford, Eexecutive Vice President (EVP) Product and Market Strategy bei PTC zum Auftakt der Veranstaltung.

PTC-Hauptquartier

Großer Andrang und lange Schlangen am Eingang zum Stuttgarter International Congress Center, trotz Voranmeldung und Registrierung per Barcode: 1.800 Teilnehmer besuchten die Veranstaltung in diesem Jahr in personam, 2.000 weitere waren online zugeschaltet. In der Ausstellungshalle, in der sich wieder zahlreiche Partner und Sponsoren mit ihren Produkten und Dienstleistungen präsentierten, herrschte zumindest in den Pausen dichtes Gedränge. Die Bandbreiten für das Networking wurden voll ausgeschöpft. Hauptsponsoren waren in diesem Jahr die Firmen ANSYS, ASCAD, Inneo und NET.

Die Konvergenz von digitaler und realer Welt war das große Thema der diesjährigen Veranstaltung, auf der nur wenige Produktneuheiten vorgestellt wurden. Kathleen Mitford erläuterte den Teilnehmern die strategische Vision des Unternehmens, die zu den Akquisitionen der letzten Jahre geführt habe und die auch im Firmenlogo zum Ausdruck komme. Wie Yin und Yang seien IoT und Augmented Reality (AR) komplementär zueinander: IoT ermögliche es, die realen Daten zurück in die digitale Welt zu spielen, AR die realen Produkte um digitale Daten anzureichern. PTC sei das einzige Unternehmen, das dafür die erforderliche Technologie bereitstelle.

Wie die Verschmelzung von digitaler und realer Welt in der Praxis aussehen könnte, zeigte Mitford den Teilnehmern am Beispiel des Hydraulik-Aggregats CytroPak von Bosch Rexroth, das mit Multi-Ethernet-Schnittstelle und Sensorik für die Vernetzung und ein vorbeugendes Condition-Monitoring ausgerüstet ist. Vorausgesetzt der Kunde lässt den Zugriff auf die Daten zu: Im Gespräch mit Pressevertretern räumte Roland Kirchgeßner von Bosch Rexroth ein, dass Sicherheitsbedenken, die Frage der Datenhoheit und die mangelnde Echtzeit-Fähigkeit der IT-Infrastrukturen die Umsetzung solcher neuen Servicekonzepte in der Praxis manchmal behinderten.

Besonders beeindruckt hat mich am Show Case CytroPak, den PTC schon auf der LiveWorx in Boston zeigte, die Auslegung einer metallischen Komponente für die Wasserkühlung unter Nutzung von Additive Manufacturing- bzw. der entsprechenden Berechnungsverfahren. Mit traditionellen Fertigungsverfahren wäre es nicht möglich gewesen, mehrlagige Kühlkanäle auf so engem Raum unterzubringen. Die Beispiele für Nutzung und Nutzen von AR im Service hingegen wirken immer noch etwas gestellt. Braucht der deutsche Servicetechniker wirklich einen erfahrenen Kollegen, der ihm per iPad über die Schulter schaut um ihm zu sagen, dass er vergessen hat, einen Stecker anzuschließen?

Mitfort

Um Augmented, Virtual und Mixer Augmented-Technologien weiter zu entwickeln und ihren Einsatz in der Industrie voranzutreiben, hat PTC ein Reality Lab gegründet, das von früheren Wissenschaftlern des MIT geleitet wird. Mike Campbell, EVP ThingWorx Platform bei PTC, stellte in Stuttgart schon eine erste Weiterentwicklung vor, die es ermöglicht, digitale Modelle ohne die bisher erforderlichen Marker auf eine flache Oberfläche oder auch auf ein reales Produkt zu projizieren. Die neue Lösung nutzt eine Spatial Tracking-Funktion, um ein reales Objekt anhand seiner Kontur zu identifizieren und z.B. das digitale Modell einer zu demontierenden Baugruppe darauf zu mappen. Beide bleiben miteinander verbunden, auch wenn der Techniker das Tablett aus der Hand legt, um die Operation auszuführen.

Campbell nahm die Anwender mit auf eine Parforce-Tour durch die schöne neue Welt der Vernetzung, für die ThingWorx die technologische Plattform, die rollenspezifischen Apps und zusätzliche Dienste sowie ein Ökosystem von 400 zertifizierten Partnern bereitstellt, die bereits mehr als 600 Apps programmiert haben. PTC stellt den Kunden mit ThingWorx Controls Advisor, Asset Advisor und Production Adviser selbst drei kostenlose Apps zur Verfügung, mit denen sie Daten von Steuereinheiten, Maschinen und Produktionsanlagen analysieren und visualisieren können. Sie sollen Unternehmen den Start ihre Reise Richtung Industrie 4.0 erleichtern.

Die ThingWorx-Technologie ist grundsätzlich für Anwendungsfälle aller Art nutzbar, z.B. auch Smart Cities, aber PTC selbst fokussiert sich vor allem auf industrielle Anwendungen. Daher auch der neue Markenname: „Industrial Innovation Platform“. In diesem Teilmarkt des milliardenschweren, globalen IoT-Marktes wird PTC von amerikanischen Analysten wie Forrester oder IDC als der unangefochtene Marktführer gesehen – ein Marktführer mit einem IoT-Umsatz von ein paar Hundert Millionen US-Dollar, der bislang mehr als eine Milliarde US-Dollar in die Erweiterung seiner Produktpalette investiert hat. Laut Campbell hat der industrielle IoT-Markt derzeit ein Volumen von 1,3 Milliarden US-Dollar.

Campbell

Dank Partnerschaften mit IoT-Cloud-Providern wie Microsoft oder Amazon Web Services ermöglicht ThingWorx die Verbindung zu anderen IoT-Plattformen. Außerdem habe PTC das Data Sourcing, d.h. den Zugriff auf Daten von industriellen Devices durch Integration der Kepware-Software dramatisch verbessert, sagt Campbell. Kepware unterstützt mehr als 150 Protokolle aus dem industriellen Umfeld.

Die Aktionäre von PTC scheinen die IoT-Strategie des Managements zu goutieren, weil sie sich davon zweistellige Wachstumsraten versprechen. Das jedenfalls ist das Ziel, das Kathleen Mitford vorgab. Laut Stefan Ellenrieder, Senior Vice President Zentral- und Osteuropa sowie Geschäftsführer Deutschland von PTC, wächst das IoT-Geschäft wesentlich stärker als andere Bereiche und liegt mit einem Umsatzanteil von ca. 30 Prozent hinter PLM und CAD bereits an dritter Stelle. Seine zentraleuropäische Organisation habe mit einem Wachstum von 25 Prozent ein sehr gutes Jahr hinter sich, in dem sie große Neukunden wie z.B. Infineon oder Thyssen Krupp Elevator gewinnen konnte, und steuere inzwischen 24 Prozent zum weltweiten Umsatz von PTC bei. PTC hat seine Organisation in Zentraleuropa stärker vertikalisiert, um Schlüsselkunden in den Märkten Automotive, Industrial und Medical Devices zu gewinnen, die als Katalysatoren für das Geschäft dienen sollen.

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