Michael Wendenburg Online Redaktion

prostep ivip-Symposium will sich neu erfinden

Vor ein paar Tagen fand im Essener Colosseum Theater das diesjährige prostep ivip-Symposium statt, das traditionelle „Klassentreffen“ der PLM-Branche. Wundern Sie sich bitte nicht über die neue Schreibweise. Der Verein hat sich kurz vor dem 20. Geburtstag der Veranstaltung ein neues Logo und ein neues farbliches Design verpasst, und das ist nur der Anfang. Ein Querdenkerclub soll neue Ideen für die Organisation der Vereinsarbeit und die Gestaltung des Symposiums erarbeiten, um den Herausforderungen im Zeitalter der Digitalisierung besser gerecht zu werden.

Symposium17

Dem prostep ivip-Verein geht es ein bisschen wie erfolgreichen Unternehmen, die vor der Frage stehen, wie sie die Chancen des Internet of Things (IoT) für neue Geschäftsmodelle nutzen können, ohne ihre bislang erfolgreichen Geschäftsmodelle in Frage zu stellen. Das Symposium ist eine absolute Erfolgsgeschichte wie der Umstand beweist, dass in diesem Jahr mehr als 600 hochkarätige Manager aus Automobilindustrie und anderen Branchen, Vertreter aller führenden PLM-Softwarehäuser und namhafte Wissenschaftler das Symposium besuchten. 12.000 Mann- und Frau-Jahre geballte Berufserfahrung, wie jemand bei der Podiumsdiskussion über die Zukunft des Symposiums sagte.

Die digitale Transformation der Geschäftsprozesse erfordert jedoch ein neues Denken in Wertschöpfungsketten, das die klassische Fokussierung auf die Optimierung der Engineering-Prozesse sprengt. Nun ist es nicht so, dass auf der Agenda des Symposiums keine neuen Themen stünden. Sie richten sich aber immer noch an die alten Adressaten, die hauptsächlich aus der PLM-Welt der mechanischen Produktentwicklung stammen. Ziel des Vereins und Aufgabe des Querdenkerclubs muss es sein zu überlegen, wie man Vertreter anderer Disziplinen und neue IT-Anbieter für das Symposium begeistern kann.

Mir fehlte in diesem Jahr ehrlich gesagt ein bisschen die strategische Dimension der Digitalisierung, die im letzten Jahr von großen Beratungsfirmen wie Accenture aufgezeigt wurde. Allenfalls in der Keynote von Dr. Michael Picard, der bei ThyysenKrupp für das Thema digitale Transformation verantwortlich ist, klang an, welche gewaltigen Veränderungen da in den unterschiedlichsten Anwendungsbereichen durch technologische Treiber wie Cloud, Internet of Everything, Künstliche Intelligenz etc. in Gang gesetzt wurden und wie Unternehmen darauf reagieren.

Die Unternehmen, zumindest die großen, scheinen die Herausforderung der digitalen Transformation angenommen zu haben und sogar Spaß daran zu finden. Vermiest wird ihnen der Spaß allerdings oft durch die bestehenden IT-Infrastrukturen, die nicht so schnell angepasst werden können, wie die Ideen für neue Geschäftsmodelle entwickelt werden. Wie sagte schon IT-Experte Schiller: Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die monolithischen IT-Systeme. Dass sie Schnee von gestern sind, war auf dem Symposium allenthalten zu hören. Wenn man es jedoch aus dem Munde eines so hochrangigen Managers wie Ralf Waltram, VP IT Delivery bei der BMW Group hört, muss man sich das langsam auf der Zunge zergehen lassen. Den Bayrischen Automobilbauern, Industriesponsor des nächsten Symposiums, steht ein gewaltiger Umbau der IT-Landschaft bevor, der trotz hundertprozentiger Agilität Jahre dauern wird.

Agilität war überhaupt ein geflügeltes Wort auf dem diesjährigen Symposium. Alles soll agiler werden, die Produktentwicklung, die Implementierung von PLM, ja sogar das Format des Symposiums selbst. Ich würde mir wünschen, dass man sich mit dem Thema Agilität mal ernsthaft auseinandersetzt. Es gibt da nämlich gewisse Spannungsfelder, die sich nicht so einfach auflösen lassen. Agile Vorgehensweisen bei der PLM-Implementierung erfordern eine sehr intensive Implikation der Endanwender, die die in zwei- oder dreiwöchigen Sprints ausgelieferten Funktionen ausgiebig testen müssen, weil sie ja nicht mehr so detailliert spezifiziert werden. Gleichzeitig sollen sie aber auch ihre smarten Produkte agil entwickeln, d.h. sie müssen ständig hin- und hersprinten. Der deutsche Ingenieur wird künftig die Kondition eines Profi-Fußballers benötigen.

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Aber vielleicht entwickeln sich die Produkte ja künftig von selbst, zumindest ihre mechanischen Komponenten. Eine der Bemerkungen von Waltram, die mir sehr zu denken gab, bezog sich auf die dramatische Veränderung des Konstruktionsprozesses durch die Nutzung von Tools für das Generative Design. Additive Fertigungsverfahren wie der 3D-Druck ermöglichen die Herstellung von neuartigen Oberflächen- und Bauteilstrukturen, die sich nicht mehr traditionell konstruieren, sondern nur durch topologische Berechnungen auslegen lassen. Die Konstrukteure werden sich daran gewöhnen müssen, dass ihnen künftig eine digitaler Kollege bei der Arbeit zur Hand geht.

Das wird nicht jedem gefallen. Den Menschen bei der digitalen Transformation mitzunehmen, wird aber ohnehin eine der großen Herausforderungen der nächsten Jahre sein. Das wurde auf dem Symposium mehrfach erwähnt, allerdings ohne zu konkretisieren, wie das im Einzelnen geschehen soll. Vielleicht sollte man im nächsten Jahr mal einen Arbeitswissenschaftler zu Wort kommen lassen, und vielleicht auch einen Arbeitsrechtler. Die intelligente Vernetzung von Produkten und Produktionssystemen verursacht nämlich nicht nur Sicherheitsrisiken, die übrigens auch mal intensiver diskutiert werden könnten, sondern wirft auch die Frage nach dem Schutz personenbezogener Daten auf.

Nur ein kleines Beispiel: Eines der Highlights des diesjährigen Symposiums war der im Rahmen eines Vereinsprojekts von mehreren Partnern entwickelte prostep Synced Factory Twin, der am Beispiel von zwei Arbeitsstationen der Montagelinie des Airbus A 320 demonstrierte, wie die Fertigungsabläufe durch die Echtzeiterfassung der Shopfloor-Daten optimiert werden können. Dank der Abbildung der Fertigungslogik ist der Twin in der Lage, im laufenden Takt alternative Arbeitsgänge vorzuschlagen, wenn für den eigentlich geplanten das Material fehlt. Er berücksichtigt dabei auch, welche Skills dafür erforderlich und ob überhaupt Mitarbeiter mit den entsprechenden Skills verfügbar sind. Für die Nutzung dieser Daten ist die Zustimmung des Betriebsrats erforderlich.

Das Thema Systems Engineering bzw. Model Based Systems Engineering (MBSE) ist ein „Dauerbrenner“ des Symposiums, wobei ich nicht den Eindruck habe, dass die Unternehmen bei der Implementierung entsprechender Werkzeuge und Methoden besonders agil unterwegs sind. Es gab viele Vorträge zu Forschungsthemen, aber wenig praktische Anwendungsbeispiele. Gut gefallen hat ist das von Automobilhersteller GKN Driveline, der es mit Unterstützung externer Berater geschafft hat, binnen 20 Tagen eine Roadmap für MBSE zu entwickeln, und bereits mit der Umsetzung der ersten Initiativen begonnen hat. Interessant fand ich die Deployment-Strategie, eine Mischung aus Top Down- und Bottom Up-Ansatz mit dem erklärten Ziel, das mittlere Management in die Pflicht zu nehmen. Ich habe jetzt schon mehrfach gehört, dass das es bei MBSE-Projekten zu den Bedenkenträgern zählt. Was kann man dagegen tun?

Führung und Organisation erfordernt ist in den Zeiten der Digitalisierung neue Konzepte und Instrumente, wie Armin Trost, Professor für Human Ressource Management an der Hochschule Furtwangen in seiner humorvollen Keynote erläuterte. „Komplexität lässt sich nicht mehr hierarchisch bewältigen, sondern nur noch im Netz, mit Menschen, die nicht wie ein Rädchen in der Maschine funktionieren, sondern auch mal eigene Ideen entwickeln.“ Querdenker eben, wie der prostep ivip-Verein sie jetzt für die Weiterentwicklung des Symposiums sucht.

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