Michael Wendenburg Online Redaktion

Industrie 4.0: Viel Wind und wenig Flügelschläge

Täusche ich mich oder ist es um Industrie 4.0 in den letzten Wochen erstaunlich ruhig geworden? Dafür mag es verschiedene Gründe geben: Vielleicht haben wir den Scheitelpunkt auf Gartners Hype Cycle überschritten und befinden uns mitten in der Phase der Ernüchterung. Oder die Unternehmen haben die Herausforderung angenommen und arbeiten im stillen Kämmerlein schon an der Umsetzung ihrer Industrie 4.0-Strategien. Oder aber es liegt ganz einfach an der Sommerpause, in die ich mich mit diesem Blog-Beitrag verabschieden werde.

Windmühle

Einer Industrie 4.0-Studie von Computerwoche und CIO zufolge, die leider nur in Auszügen öffentlich zugänglich ist, vertrauen die Unternehmen darauf, dass Industrie 4.0 erst in drei Jahren so richtig durchstarten wird. Nur ein Fünftel haben bereits erste Projekte realisiert, übrigens meist mit einem sehr schnellen Return on Invest, während das Thema für 27 Prozent von ihnen noch überhaupt keine Rolle spielt. Zwei Drittel gehen aber davon aus, dass Industrie 4.0 für sie innerhalb der nächsten drei Jahre wichtig bis sehr wichtig wird.

Warum schieben die Unternehmen Industrie 4.0 auf die lange Bank? Einmal weil erstaunlich viele immer noch nicht genau wissen, was sich hinter Industrie 4.0 verbirgt bzw. eine sehr verkürzte Sicht auf die Dinge haben. Das Gros (69 Prozent) versteht darunter immer noch die Vernetzung von Maschinen und IT. Immerhin sehen 31 Prozent der Befragten Industrie 4.0 schon in einem größeren Zusammenhang der digitalen Transformation und ein Viertel versteht darunter voll integrierte Wertschöpfungsketten, wenn auch nicht zwingend bis in den Service. Weniger als 20 Prozent betrachten Predictive Maintenance oder Condition Based Maintenance als Teil von Industrie 4.0. Offensichtlich denken nur wenige Unternehmen über die Entwicklung neuer serviceorientierter Geschäftsmodelle nach.

Hier rächt sich einmal mehr die einseitige Fokussierung auf die intelligent vernetzte Produktion aus den Anfangsjahren der Industrie 4.0-Diskussion. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Ohne smarte Produkte gibt es auch keine intelligent vernetzte Produktion, denn letztlich sind Maschinen und Anlagen aus Sicht der Hersteller zunächst einmal Produkte – Produkte, die sie dank der Vernetzung über das Internet of Things (IoT) vielleicht künftig als Service oder zumindest als Teil von integrierten Produkt-Service-Angeboten anbieten können. Und ich möchte sogar noch einen Schritt weiter gehen: Ohne smarte Produkte werden wir diese intelligent vernetzte Produktion auch gar nicht benötigen, denn „dumme“ Produkte kauft uns niemand mehr ab. Aber vielleicht wollen wir ja zur intelligent verlängerten Werkbank für smarte chinesische Produkte werden?

Übrigens herrschte selbst in der von der Computerwoche veranstalteten Experten-Diskussion keine Einigkeit darüber, was Industrie 4.0 eigentlich genau ist. Jetzt könnte ich natürlich boshaft sein und sagen, wer die falschen Leute (IT- und Sicherheits-Experten) befragt, der bekommt auch nicht die richtigen Antworten. Aber das wäre nicht fair, weil es in der Diskussion um das Spannungsfeld zwischen Safety und Security ging, das zweifellos eine zentrale Herausforderung bei Industrie 4.0-Projekten ist. Eine weitere Herausforderung ist gerade mit Blick auf die intelligente Vernetzung der Produktion das Thema Konnektivität, weil aufgrund der langen Lebenszyklen der Produktionsanlagen unterschiedliche Generationen von Netzwerken und Komponenten integriert werden müssten, wie Andreas Kaiser, Director von Rohde & Schwarz Cybersecurity sagte.

Ich möchte einen weiteren Aspekt ergänzen, den ich vor kurzem bei einem Besuch bei Airbus aufschnappte: Um Fertigungs- und Montageprozesse im laufenden Betrieb optimieren zu können, müssen Shopfloor-Daten in Echtzeit erfasst und ausgewertet werden. Dafür sind nicht nur Echtzeit-fähige Standards für den Datenaustausch erforderlich, sondern auch industrielle Netze mit den entsprechenden Bandbreiten, die in den meisten Unternehmen nicht vorhanden sind. Oder aber man braucht eben smarte Maschinen, die in der Lage sind, Sensordaten vor Ort auszuwerten und nur die kritischen Werte über das Netzwerk weiterzugeben.

Man kann es also drehen und wenden wie man will: Die eigentliche Herausforderung von Industrie 4.0 ist die interdisziplinäre Entwicklung smarter Produkte. Dafür sind die meisten Unternehmen heute weder von der Organisation, noch von den Entwicklungsprozessen optimal aufgestellt. Von der PLM-Bebauung ganz zu schweigen. Aber das ist ein anderes Thema, das ich nach der Sommerpause gerne vertiefen werde. Jetzt wünsche ich uns erst einmal einen erholsamen Urlaub.

Weitere Beiträge auf wendenburg.net Seite 1

07.12.2018
Wenn die digitale Transformation eine Reise ist, wie Kathleen Mitford, Executive Vice President Products and Market Strategy, zum Auftakt des PTC Forums Europe sagte, dann hatten die Teilnehmer in diesem Jahr einige Mühe mit der “Reiseplanung”. In sechs parallel laufenden Sessions bot die... Artikel weiterlesen
13.11.2018
Fast Track to Digital Transformation lautete das Leitmotiv der ACE 2018 Europe, der europäischen Anwenderkonferenz von PLM-Hersteller Aras, die in diesem Jahr in Hamburg stattfand. Mit etwa 350 Teilnehmern war die zweitägige Veranstaltung noch besser besucht als die des Vorjahres. Meine Gespräche... Artikel weiterlesen
26.10.2018
Das 3DEXPERIENCE Forum von Dassault Systèmes fand in diesem Jahr an einem Ort statt, der die industrielle Transformation treffend charakterisiert: Die Lokhalle in Göttingen, ein 1917 erbautes Denkmal der Industriekultur, in der früher Dampflokomotiven gewartet wurden, und die heute als Event Location... Artikel weiterlesen
08.10.2018
Nach einer längeren kreativen Pause melde ich mich zurück mit meinen Eindrücken vom Munich PLM Symposium, das vom Institut für Engineering Design of Mechatronic Systems & PLM der Hochschule für Angewandte Wissenschaften München ausgerichtet wird. Mit ca. 140 Teilnehmern hat sich die Veranstaltung,... Artikel weiterlesen
27.04.2018
Vor ein paar Tagen besuchte ich im MOC Veranstaltungscenter in München das prostep ivip Symposium 2018. Mit 700 Teilnehmern von mehr als 200 Anwenderfirmen, IT-Vendoren und Hochschulinstituten aus 21 Ländern verzeichnete das internationale Familientreffen der PLM-Branche einen neuen Besucherrekord.... Artikel weiterlesen
16.04.2018
Auf ihrem North American Industry and Market Forum in Ann Arbor, Michigan präsentierte die Marktforschungsfirma CIMdata vor kurzem die Zahlen zur Entwicklung des PLM-Marktes und die aktuellen Trends. Oleg Shilovitsky berichtete darüber in einem Blogbeitrag auf Beyond PLM, auf den ich mich beziehe,... Artikel weiterlesen
31.03.2018
Rund zwei Jahre ist es her, dass eine Reihe von PLM-Experten aus Industrie und Forschung auf Initiative von Conweaver in einem Workshop darüber diskutierten, wie sich PLM neu erfinden muss, um die Herausforderungen bei Entwicklung, Fertigung und Betrieb smart vernetzter Produkte und Produktionssysteme... Artikel weiterlesen
09.03.2018
Der Nutzen von PLM ist für die meisten Unternehmen nicht greifbar. Das war die ernüchternde Erkenntnis des PLMPulse Surveys 2017, der auf der PI PLMx im Hamburg vorgestellt wurde. Ohne den Marktforschern zu nahe treten zu wollen, glaube ich, dass das so nicht stimmt. Vielleicht hat man auch einfach... Artikel weiterlesen