Michael Wendenburg Online Redaktion

Aras ACE Europe 2019: Die Veränderungen aktiv gestalten!

Digitale Transformation ganz pragmatisch überschriebt mein Blogger-Kollege Ralf Steck seinen Bericht über die ACE Europe 2019. Ich kann ihm da nur zustimmen. Aras schafft das Kunststück, eine klare Vision für die digitale Zukunft und die Weiterentwicklung seiner PLM-Plattform Aras Innovator zu entwickeln, ohne die Bodenhaftung, um nicht zu sagen die Bodenständigkeit, zu verlieren. Auf der europäischen User Conference präsentierte das Unternehmen eine Reihe von interessanten Neuerungen für Requirements Engineering, Varianten und Configuration Management. Aras will seine PLM-Plattform künftig auch in der Cloud anbieten, wie CEO Peter Schroer den Teilnehmern in der Fragerunde verriet.

ACE19_Aufmacher

Mit circa 300 Teilnehmern war die europäische User Conference von Aras, die in diesem Jahr wieder in München stattfand, nicht ganz so gut besucht wie die Vorjahresveranstaltung in Hamburg. Dafür gab es viele neue Gesichter. Fast die Hälfte der Teilnehmer besuchte die ACE Europe zum ersten Mal, wie Andreas Müller, Senior Vice President EMEA bei Aras, zum Auftakt der Veranstaltung konstatierte. Der hohe Anteil an Newcomern mag zum Teil mit dem Ortswechsel zusammenhängen, spiegelt aber wohl vor allem das rasante Wachstum des Unternehmens wider. Aras wächst nach wie vor deutlich zweistellig, so dass sich der Umsatz mit Subskriptionen in diesem Jahr der Schwelle von 100 Millionen US-Dollar nähern dürfte. Der Börsengang sei für 2022 angepeilt, sagte Schroer im Interview.

Der wirtschaftliche Abschwung geht auch an Aras nicht spurlos vorüber, wie Schroer einräumte. Die Automobilindustrie sei in diesem Jahr etwas zurückhaltender mit Investitionen, während das Unternehmen im Bereich der Medizintechnik zahlreiche Neukunden habe gewinnen können. Insbesondere in Deutschland und den USA würden aufgrund der wirtschaftlichen Situation Entscheidungen aufgeschoben, so Schroer weiter; anders in Japan, wo die Unternehmen die wirtschaftliche Schwächephase nutzen, um ihre Engineering-Prozesse zu verbessern.

Tatsächlich standen in München kaum Kundenvorträge von Vertretern aus der Automobilindustrie auf der Agenda. Hingegen waren die Unternehmen aus Aerospace & Defence in diesem Jahr relativ stark vertreten. So berichtete z.B. Kalle Hagström, Head of Information Systems bei BAE Systems Schweden, über das Big-Bang-PLM-Migrationsprojekt beim schwedischen Ableger des Herstellers von Waffensystemen. Neben der Vereinheitlichung der Prozesse an den beiden Standorten war die Bereinigung und Migration der Daten die größte Hürde, zumal aufgrund der Anforderungen im militärischen Bereich nicht alle Projektpartner Zugang zu den Daten haben durften. Trotzdem habe das Projektteam seine Mission erfolgreich erfüllt, sagte Hagström. Oder wie es in der Sprache der Militärs heißt: Bravo Zulu.

Bei vielen Kunden wird die PLM-Plattform von Aras nicht als Ersatz, sondern in Ergänzung zu einer bestehenden PLM-Infrastruktur bzw. als übergreifendes Datenbackbone eingesetzt. Das ist z.B. der Fall bei Automobilzulieferer Schaeffler. Eine ähnliche Strategie verfolgt MAN Energy Solutions, um die heterogenen PLM-Systemlandschaften der vier Geschäftsbereiche für Zweitakt- und Viertaktmotoren, Turbomaschinen und Powersysteme besser zu verzahnen. Ziel des PDM Hub@MAN ist es, die bereichsübergreifende Zusammenarbeit zu ermöglichen und gemeinsame Lösungen für die Energieerzeugung zu entwickeln, wie Stefan Majonica und Jens Chemnitz erläuterten. Statt die bestehenden PLM-Systeme (SAP PLM, Teamcenter, Windchill, AVEVA Plant) zu konsolidieren, was 100 Millionen Euro gekostet hätte, hat man sich für die Konsolidierung der Daten entschieden. Neue PLM-Funktionen sollen jedoch künftig in der Aras-Plattform implementiert werden.

Der Schmerz, ein PLM-System zu wechseln
Ein PLM-System zu wechseln sei so ziemlich das Schmerzhafteste, was einem passieren könne, meinte Schroer in seiner unterhaltsamen Keynote; schmerzhafter, als die Treppe hinunterzufallen. Schroer beklagte sich darüber, dass viele Unternehmen aus falsch verstandener Loyalität gegenüber ihren Lieferanten eher bereit seien, zig Millionen in das Update ihrer bestehenden PLM-Lösung zu investieren, als etwas Neues auszuprobieren: Z.B. das kostengünstigere Subskriptionsmodell mit der resilienten, d.h. robusten und elastischen Aras-Plattform.

Um die Widerstände gegen Veränderungen zu überwinden, müsse sich die Unzufriedenheit mit einer Vision und einer klaren Vorstellung vom ersten Schritt paaren, führte Schroer weiter aus. Grundsätzlich werde für die digitale Transformation eine Menge Geld mit sehr wenig Erfolgsaussichten ausgegeben, weil das Management sich oft von shiny options blenden lasse und die Grundlagen vergesse. Wie will man z.B. Artificial Intelligence nutzen, wenn die Daten noch in Excel stecken. A propos Daten: Laut Schroer werden weniger als drei Prozent der vorhandenen Daten für Produktentscheidungen genutzt, weil das Gros nicht zugänglich ist.

Die Mission von Aras ist es, die Kunden zum Eigner ihres (Produkt-)Lebenszyklus zu machen, oder wie Müller sich ausdrückte: We want you to own the lifecycle. Das scheint auch für den Lebenszyklus der PLM-Plattform selbst zu gelten: Aras will Updates durch Service Packs in kürzeren Abständen und das automatische Testen verstetigen, um die Veränderungskosten für den Kunden gegen Null zu treiben. Zwar sind die Kosten eigentlich durch das Subskriptionsmodell abdeckt, aber der Update-Prozess ist für die Kunden immer noch ziemlich disruptiv, wie Schroer einräumte. Aras will schnellere Veränderungen an der PLM-Plattform ermöglichen, ohne sie stärker vorkonfigurieren zu müssen. OOTB ist laut Schroer keine Lösung.

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Wie sich Aras in der Produktentwicklung neu aufgestellt hat, um die Entwicklung zu beschleunigen, erläuterte John Sperling, Vice President Product Management den Teilnehmern. Dank Implementierung eines mehrschichtigen Scaled Agile Frameworks (SAFe) mit Product Ownern, Product Managern, Roadmap Team und Steering Committee, das sich um die langfristige Produktplanung kümmert, habe man die Release-Zyklen für neue Service Packs mit der Version 12 auf sechs Wochen verkürzt. Ziel sei, jeden Monat ein neues Service Pack freizugeben, was Änderungen an der Roadmap erfordere, sagte Sperling. Aras will den Funktionsumfang der einzelnen Apps künftig stärker inkrementell erweitern.

Neue Bausteine für den Digital Thread
Zu den Neuerungen, die den Kunden ab sofort zur Verfügung steht, gehört das Requirements Engineering-Modul, das eine bestehende Anwendung für das Anforderungsmanagement ersetzt. Die neue App bildet die Grundlage, um den digitalen Faden (Digital Thread) von der Modellierung der Systemarchitektur bis zur Verifikation & Validierung (V&V) zu spannen, wie CTO Rob McAveney erläuterte. Aras verwaltet in der PLM-Plattform aber nur ein Metamodell der Systemarchitektur, das über Ankerelemente mit der Detailbeschreibung in den Autorentools, z.B. einem SysML-Editor verbunden ist, um die Nachverfolgbarkeit der Konfiguration über den gesamten Prozess sicherzustellen. In der ersten Hälfte 2020 soll die neue App für das Management von Simulationsaufgaben und -daten folgen, in die wesentliche Funktionen der 2018 übernommenen Software von Comet Solutions eingeflossen sind. Eine dezidierte V&V-App, die die Ergebnisse aus physikalischen und Softwaretests mit der Systemarchitektur verknüpft, wird allerdings noch etwas auf sich warten lassen.

Ein zentraler Baustein für den Aufbau des Digital Thread ist das Configuration Management. Die entsprechende App ermöglicht die Steuerung unterschiedlicher Konfigurationen innerhalb einer BOM-Struktur über so genannte Effectivity Services, die prinzipiell auf sämtliche Strukturen angewandt werden können, wie Georg Sandritter von Aras erläuterte. Wenn ich es richtig verstanden habe, handelt es sich um einen regelbasierten Filtermechanismus, mit dem die Beziehungen zwischen den Items einer Struktur definiert und Items nach bestimmten Kriterien ein- oder ausgeschlossen werden können.

Aras sieht seine Aufgabe darin, den Digital Thread aufzubauen und die Verknüpfung mit dem Digital Twin sicherzustellen, nicht jedoch die Daten einzusammeln und auszuwerten, wie McAveney betonte. Die Schaffung einer eigenen IoT-Plattform ist nicht geplant. Es wäre ein Fehler, jetzt in das IoT zu investieren, da sich Markt und Technologie noch rasant weiterentwickeln, sagte Schroer. IoT wird am besten von den Cloud-Providern bereitgestellt. MS Azure ist der von Aras präferierte Cloud- und IoT-Partner, was nicht verwunderlich ist, weil Microsoft gleichzeitig zu den großen Kunden von Aras gehört.

Aras hat Geld für weitere Akquisitionen
Für mich eine überraschende Neuigkeit war, dass Aras seine Neutralität hinsichtlich der Implementierungsoptionen für die PLM-Plattform ein Stück weit aufgibt und stärker auf die Cloud setzt. Von der Architektur war Aras Innovator im Prinzip immer schon Cloud-fähig, aber das Deployment soll durch Docker-Container, die mit Kubernetes orchestriert werden können, ab Q3 2020 noch einfacher werden. Außerdem wird Aras seine PLM-Plattform auf Basis der MS Azure-Infrastruktur künftig selbst als Cloud-Service anbieten. Wir können heute schon das Management in einer privaten Cloud übernehmen und sind darauf vorbereitet, unseren Kunden künftig auch eine Multi-Tenant-SaaS-Lösung zu offerieren, sagte Schroer in der Q&A Session, in der er sich zusammen mit McAveney den Fragen der Teilnehmer stellte. Im Interview stellte er klar, dass Aras damit auf das wachsende Interesse größerer Kunden an der Cloud reagiere und nicht unbedingt kleinere Unternehmen gewinnen wolle.

In der Fragerunde erinnerte Schroer daran, dass Aras – im Unterschied zu seinen Mitbewerbern – übernommene Anwendungen nicht einfach integriere, sondern auf der Basis der eigenen Plattform neu schreibe, was strategische Akquisitionen aufwendiger mache. Dessen ungeachtet wird das Unternehmen die 70 Millionen US-Dollar Risikokapital, die es Ende letzten Jahres von Goldman Sachs und anderen Investoren bekommen hat, für weitere Übernahmen nutzen. Wir sind zur Zeit in der Diskussion mit zwei Software-Anbietern, sagte Schroer. In welchen Bereichen wollte er noch nicht verraten, aber er gab einen Hinweis: Lücken im Portfolio gebe es noch mit Blick auf die Hightech- und Medical Device-Industrie, in denen Aras stärker Fuß fassen wolle.

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