Michael Wendenburg Online Redaktion

Unsaubere Daten bringen PLM-Migrationen ins Schleudern

Vor mehr als zwei Jahren stellte ich in einem Blog-Beitrag die Frage: Warum scheitern viele PLM-Migrationen? Offensichtlich haben weder die Unternehmen, noch die PLM-Systemanbieter bislang eine überzeugende Antwort auf diese Frage gefunden. Vor ein paar Wochen berichtete Verdi Ogwell in einem seiner lesenswerten Hintergrundbeiträge auf Engineering.com, dass Telekom-Gigant sein PLM Migrationsprojekt gestoppt habe. Wie schon bei Jaguar Land Rover (JLR) stehen wieder Dassault Systèmes und die 3DEXPERIENCE-Plattform im Mittelpunkt der gescheiterten Migration, die Ericssons CIO Johan Torstensson und andere hochrangige Manager den Job gekostet hat.

Waschmaschine

Das kann natürlich Zufall sein, aber Verdi selbst konstatiert eine Reihe von interessanten Parallelen zwischen JLR und Ericsson: In beiden Fällen handelte es sich um extrem komplexe Migrationsprojekte mit Tausenden von betroffenen Mitarbeitern, die in vergleichsweise kurzer Zeit durchgezogen werden sollten. Wenn solche Big Bang-Migrationen scheitern, dann kracht es richtig. Beide Unternehmen gingen mit Dassault Systèmes eine Technologie-Partnerschaft ein, weil die neue PLM-Plattform aus dem Stand noch nicht den kompletten Funktionsumfang bot, den die Anwender benötigten. Und beide Unternehmen vergaßen aufgrund der internen Probleme bei dem Migrationsprojekt, die Partner in der Zulieferkette rechtzeitig mit ins Boot zu holen.

Eines der größten Hindernisse bei Ericsson war aber nicht die Einführung der neuen PLM-Plattform, sondern die Integration der bestehenden Systeme und Subsysteme für die Downstream-Prozesse – Verdi spricht von 400 bis 500 – und vor allem die Migration der Legacy-Daten. Jedes Mal wenn wir die migrierten Daten getestet haben, schlugen alle Anwendungsfälle fehl, zitiert Verdi eine seiner Quellen bei Ericsson, allerdings ohne zu sagen, wer für die Datenmigration verantwortlich war. Im ersten Schritt natürlich der Telekom-Hersteller selber, denn er hätte die Qualität der Ausgangsdaten in seinem alten Mainframe-Anwendung sicherstellen müssen, die letztlich über die Wiederverwendbarkeit der migrierten Daten entscheidet. Offensichtlich hat man dem Thema Datenbereinigung zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Viele Unternehmen gehen davon aus, dass ihr PLM-Lieferant der beste Partner für die Datenmigration ist, insbesondere wenn er sowohl das Altsystem als auch die neue Lösung geliefert hat bzw. liefern soll. Ein verständlicher Irrtum, denn man sollte annehmen, dass keiner die Datenstrukturen und Datenmodelle seiner Software besser kennt als der Hersteller. Nach meiner Erfahrung mangelt es den Anbietern jedoch oft am erforderlichen Know-how und den geeigneten Werkzeugen und Methoden für komplexe Datenmigrationen. Und manchmal auch an der Bereitschaft, sich auf solche kniffeligen Projekte einzulassen. Dies umso mehr, wenn nicht nur PLM-, sondern auch CAD-Daten migriert werden müssen und noch dazu Systeme anderer Hersteller involviert sind. Hier sollte man unbedingt Spezialisten zurate ziehen, die sich ständig mit Migrationsproblemen herumschlagen.

Ich habe in den letzten Monaten eine Reihe von Reportagen über PLM-Migrationsprojekte geschrieben, die mir gezeigt haben, dass komplexe Datenmigrationen kein Hexenwerk sind, wenn sie gut vorbereitet werden. Besonders bemerkenswert fand ich in dieser Hinsicht das Projekt bei einem namhaften Roboterhersteller, der seine bestehende SAP-Installation auf einen Schlag durch SAP S/4 HANA abgelöst und gleichzeitig das PLM-System Agile e6 nach Teamcenter migriert hat. Dabei entschied sich das Unternehmen im PLM-Bereich für eine zeitweise Koexistenz von Alt- und Neusystem, um laufende Engineering-Projekte in der alten Umgebung abschließen zu können. Ein höchst komplexes aber interessantes Migrationsszenario, das meines Erachtens dazu beitragen kann, den Stress einer Big-Bang-Migration für die Organisation zu reduzieren.

Der Umstieg auf SAP S/4HANA und die temporäre Koexistenz der beiden PLM-Systeme machte die Migration im Falle des Roboterherstellers zu einem Billard über drei Banden; genau genommen sogar über vier Banden, denn die Anbindung von Agile an das neue ERP-System erforderte zunächst eine Aktualisierung der bestehenden Software, um die Materialien und Stücklisten korrekt mit der neuen Projektstruktur verknüpfen und an SAP übergeben zu können. Gleichzeitig mussten die beiden PLM-Systeme miteinander verbunden werden, um Norm- und Katalogteile und anderen Materialien systemübergreifend zu synchronisieren.

Die Reportage ist leider noch nicht veröffentlicht, aber so viel kann ich hier schon verraten: Das Erfolgsgeheimnis war eine konsequente Datenbereinigung und Datenselektion im Vorfeld der Migration, und zwar nicht nur der PLM-, sondern auch der ERP-Daten. Unterstützt wurde der Migrationsprozess durch die PLM-Experten von PROSTEP und ihre Integrationsplattform OpenPDM, die gewissermaßen als Daten-Waschmaschine fungierte. Das PLM-Beratungs- und Softwarehaus erhält auch von anderen Kunden gute Noten für die Datenmigration, wie in einem Beitrag im PROSTEP-Newsletter 4/2018 nachzulesen. Er sei allen Verantwortlichen für anspruchsvolle PLM-Migrationsprojekte zur Lektüre empfohlen.

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