Michael Wendenburg Online Redaktion

PI PLMx in Hamburg: Achterbahn der Sensationen

Die PI PLMx, die in diesem Jahr in Hamburg stattfand, hat sich als fester Treffpunkt der europäischen PLM-Experten etabliert, auch wenn die Veranstaltung von der Teilnehmerzahl bei weitem nicht an das prostep ivip-Symposium heranreicht: Rund 225 Besucher, darunter 135 Vertreter von Anwenderfirmen, trafen sich nach Angaben des Veranstalters im kühlen Norden, um sich über die aktuellen Herausforderungen und die Zukunftsaussichten von PLM zu informieren. Nachdem sich am ersten Tag eine gewisse Ernüchterung breitmachte, stimmten am zweiten Tag einer Reihe von Vorträgen über erfolgreiche PLM-Projekte die Anwesenden wieder zukunftsfroher. Weitgehend einig war man sich, dass das Problem weniger die Technik, als die Veränderung der Prozesse sei. Oder wie PLM-Berater Jos Voskuil sagte: Not PLM is complex, but the people.

Achterbahn

Das Format der PI PLMx war ähnlich wie das anderer PLM-Events, mit einer morgendlichen Keynote und zwei, drei oder vier parallel laufenden Vorträgen und Diskussionsrunden in den anschließenden Sessions. Das bedeutet, dass meine Eindrücke notwendigerweise partiell sind, weil ich mich nicht vierteilen und alle Vorträge besuchen konnte. Was etwas anders war und mir gut gefiel waren die langen Kaffeepausen im Ausstellungsraum, die die Besucher nutzen konnten, um gezielt Gesprächstermine mit den Referenten oder mit Vertretern der 14 Aussteller zu vereinbaren. Im Sinne des Networkings eine wirklich gute Idee.

Die eigentliche Herausforderung bei der PLM-Einführung ist nicht die Implementierung der Technik, sondern die Menschen dazu zu bringen, die damit einhergehende Veränderung der Prozesse zu akzeptieren, wie der Vortrag von André Wall, Head of Product Data Management UK bei Airbus Defense and Space, deutlich machte. Ähnlich argumentierte Hilmar Brunn, Head Global PLM bei Mettler-Toledo, der empfahl, PLM nicht allein den Ingenieuren zu überlassen, weil es bei PLM vor allem um Collaboration gehe, was nicht unbedingt ihre Kernkompetenz sei: PLM is too important to leave it only to the Chief Technology Officer.

Bei manchen Vorträgen hatte ich den Eindruck, dass die Unternehmen bei der Anpassung ihrer PLM-Landschaften an die Herausforderungen der digitalen Transformation noch nicht weit vorangekommen sind. Wenn sie überhaupt schon damit begonnen haben. In dieser Hinsicht symptomatisch war der Vortrag der beiden Vertreter von Volvo über den flexiblen und pragmatische PLM-Ansatz, mit dem der schwedisch-chinesische Autobauer die Herausforderungen meistern will. Das war nicht viel mehr als eine Absichtserklärung. Eines der Painpoints sei, dass man die PLM-Werkzeuge erst noch weiter entwickeln müsse, meinte Johan Stabeck, Senior Manager PLM Strategy, allerdings ohne das detaillieren zu wollen.

Eine robuste PLM-Landschaft mit korrekten Masterdaten ist die Basis für die Digitalisierung der Geschäftsprozess und die Nutzung der Daten für Augmented Reality oder IoT-basierte Services, wie Mark Jaxion, Lead of IoT and Industrialization 4.0 bei Windanlagenhersteller Vestas, erläuterte. Das Unternehmen setzt Techniken der Artificial Intelligence ein, um fehlerhafte oder unvollständige Daten zu identifizieren. Durch Schaffung eines sauberen PLM-Fundaments sei es gelungen, die Effizienz binnen fünf Jahren um 50 Prozent zu steigern, sagte Jaxion.

PLMpulse

Solche beeindruckenden Nutzeneffekte sind eher die Ausnahme als die Regel, wie die Marktstudie PLM Pulse 2017 zeigt, die Nick Leeder, Director i42r, den Anwesenden zum Auftakt der Paneldiskussion über die Zukunft von PLM präsentierte. Die Ergebnisse der anonymisierten Befragung von über 350 Teilnehmern aus 27 Ländern waren ernüchternd: 60 Prozent der Befragten gaben an, dass PLM noch vorwiegend im Engineering genutzt wird, und nur 29 Prozent konnten greifbare Nutzeneffekte feststellen. Das hängt zum Teil damit zusammen, dass die Informationen schwer zugänglich sind und deshalb auch wenig genutzt werden. Nur eine Minderheit leitet z. B. aus den PLM-Informationen Schlüsselindikatoren (KPI) für das Business ab.

Erschreckend für mich vor allem die Erkenntnis, dass immerhin 38 Prozent angaben, PLM sei nicht Bestandteil ihrer Digitalisierungsstrategie, und nur bei 15 Prozent sind PLM und Big Data-Strategie miteinander verknüpft. Ebenso erschreckend die Tatsache, dass die Ergebnisse der Studie die Veranstaltungsteilnehmer nicht sonderlich überraschten. Was ist da in den letzten 20 Jahren falsch gelaufen? Die Ursachenforschung in der Paneldiskussion drehte sich um die Frage, ob es überhaupt sinnvoll sei, den Nutzen von PLM messen zu wollen, oder ob man es als strategisches Investment betrachten müsse. Auch keine ganz neue Diskussion. Weitgehend einig war man sich, dass ein wesentlicher Grund für die mangelnde PLM-Readiness der Unternehmen das Fehlen klarer Verantwortlichkeiten sei. Laut der Befragung gibt es nur in 8 Prozent der Unternehmen eine Executive Ownership für PLM.

Wie wichtig die Unterstützung des obersten Managements für den Erfolg eines umfassenden PLM-Projekts ist, unterstrich Cees Stellema, PLM Director Digital Transformation bei Unilever in seinem brillanten Vortrag über die PLM-Implementierung bei dem Konsumgüter-Hersteller. Mit dem Ziel, Produkte schneller auf den Markt zu bringen und die Compliance zu verbessern, ersetzte das Unternehmen ein bestehendes PDM-System durch eine umfassende PLM-Lösung auf Basis von SAP PLM und Teamcenter, die den gesamten Prozess vom Forschung & Entwicklung über die Produktion (Supply Chain) bis zur Entwicklung der Verpackungen abdeckt. PLM sei für Unilever überlebenswichtig, da das Internet die Eintrittsschwelle für kleinere Wettbewerber gesenkt habe, sagte Stellema, der die Anwesenden ermunterte, die Dinge nicht so pessimistisch zu sehen.

Unilever hat viel Zeit und Geld in die (manuelle) Bereinigung der Daten investiert, weil ihre Qualität entscheidend für die Digitalisierung der Prozesse ist, wie Stellema weiter ausführte. Die Qualität müsse vom Prozessende her gedacht werden, unabhängig davon, wem die Daten gehören und wer sie erzeugt. Im Gespräch erläuterte er, dass man z.B. die Verantwortung für die Beschaffungsdaten, die zunehmend auf die Ingenieure abgewälzt wurden, wieder an das Procurement übertragen habe.

Panel

Auch Susanne Lauda, Director Global Advanced Manufacturing Technology bei Landmaschinen-Hersteller AGCO unterstrich in ihrem Vortrag die Bedeutung von PLM als Data Quality Gate für die Unterstützung der Folgeprozesse an den 44 Fertigungsstandorten weltweit. Die Daten verteilen sich über drei Anwendungen (Windchill, Teamcenter Manufacturing und SAP ERP), deren Integration eine große Herausforderung sei. Teamcenter verwaltet u.a. die M-BOM und unterstützt die Echtzeit-Konfiguration der Arbeitsanweisungen zu den Fertigungsaufträgen im MES (Manufacturing Execution System), die z.T. schon mit Hilfe von Augmented Reality visualisiert werden können.

PLM ist das Herz des Unternehmens und die Voraussetzung, um im Markt flexibel agieren zu können, aber nicht notwendigerweise ein einzelnes System. Das war eine der Kernbotschaften von Gerard Quist, Platform Manager Ideas to Market bei Philips, der den Teilnehmern die Transformation der PLM-Landschaft bei dem Medizinztechnik-Hersteller erläuterte. Das Unternehmen steht vor der Herausforderung ein riesiges Portfolio an smarter werdenden Produkten mit immer kürzeren Lebenszyklen schneller auf den Markt zu bringen. Die Implementierung von Produkt und Projekt-Portfolio-Management, die Kombination von agilen Entwicklungsmethoden und klassischem Projektmanagement sowie ein durchgängiges Change und Konfigurationsmanagement ermöglichen die notwendige Transparenz und Traceability über den gesamten Produktlebenszyklus, der bei Philips zunehmend auch vernetzte Dienste oder Product as a Service-Angebote einschließt.

Ich habe von der PI PLMx den Eindruck mit nach Hause genommen, dass Unternehmen mit einer klaren Lifecycle-Vision wie Unilever oder Philips sich leichter tun, die Rolle und Bedeutung von PLM für die digitale Transformation ihrer Geschäftsprozesse und -modelle zu würdigen. PLM hat als Konzept nach wie vor seine Daseinsberechtigung. Nicht von ungefähr waren die Teilnehmer der PLM Pulse-Studie mehrheitlich der Meinung, dass neue Schlagwörter nicht hilfreich seien, um die Rolle von PLM neu zu definieren, sondern eher mehr Verwirrung stiften würden. Es gehe vielmehr darum, den Platz von PLM als Product Innovation Platform innerhalb der Enterprise Application Architecture neu zu verorten, meinte auch Peter Bilello, Chef der amerikanischen Marktforschungsfirma CIMdata.

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