Big Google is watching you

Die Medien lassen zur Zeit kein gutes Haar an Google. Erst schaffte es der milliardenschwere Betreiber der Internet-Suchmaschine auf die Titelseite der Zeitschrift „Der Spiegel“ mit der Schlagzeile: „Der Konzern der mehr über Sie weiß als Sie selbst“. Wenige Tage später legten die Journalisten-Kollegen von „Die Zeit“ nach und wetterten auf Seite 1 gegen die ausufernde Datensammelleidenschaft des US-Konzerns. Anlass war die Vorstellung des Google-Handys „Nexus One“, das in Verbindung mit der Software „Googles“ dazu genutzt werden kann, Kamerabilder mit der riesigen Bilddatenbank der Suchmaschine abzugleichen und Objekte oder vielleicht auch Personen zu identifizieren.

Die Datenschützer befürchten ein Ende der Privatsphäre im öffentlichen Raum, wenn Google jetzt auch noch sehen lernt. Neugierige Zeitgenossen – so ihre Horrorvision – könnten dann jedermann oder jeder Frau mit der Handykamera nachstellen und hätten über die Bilderkennung Zugang zu persönlichen Informationen, die vielleicht im Profil auf Facebook oder anderen öffentlich zugänglichen Webseiten gespeichert sind. Angesichts der traurigen Bildqualität der meisten Handykameras und der technischen Schwierigkeiten bei der Gesichtserkennung scheint die Sorge übertrieben – ganz von der Hand zu weisen ist sie aber nicht.

Unbehagen verursacht vor allem der wenig transparente Umgang des Internet-Giganten mit den Datenspuren, die wir im Web hinterlassen: Angaben über die Produkte, die wir online bestellen, die Seiten, die wir vorzugsweise anklicken oder die Suchbegriffe, die wir in Google eingeben. Dass diese Informationen gespeichert und ausgewertet werden, merken wir daran, dass die eingeblendete Werbung immer perfekter auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten ist. Dank GPS kann Google sie sogar standortbezogen aufs Handy spielen. Und keiner weiß so genau, welche Informationen wie lange auf den Servern der Suchmaschine gespeichert werden und wer alles Zugang zu ihnen hat.

Zugegebenermaßen sind wir Anwender nicht ganz schuldlos an der Situation, weil wir oft viel zu sorglos mit persönlichen Daten und Informationen umgehen. Die Web 2.0-Technlogie mit ihren sozialen Netzwerken, Blogs und Wikis hat den Trend zur Selbstdarstellung im Internet noch verstärkt. Das spricht nicht grundsätzlich gegen das Mitmach-Web, das inzwischen auch von Unternehmen als Vehikel für den Wissensaustausch entdeckt wird (siehe dazu meinen Beitrag im letzten EDM REPORT), wohl aber für einen verantwortungsvollen Umgang mit den interaktiven Werkzeugen und Funktionen. Wir brauchen mehr Medienkompetenz und mehr Selbstkontrolle.

Gefordert ist aber auch die Politik, die unsere Privatsphäre vor der digitalen Enthüllung besser schützen muss. Wir können uns leider nicht darauf verlassen, dass Google die Geister seiner Sammelleidenschaft nicht mehr los wird und irgendwann in seiner eigenen Datenflut ertrinkt. Das passiert offensichtlich nur den amerikanischen Geheimdiensten, die vor lauter Daten nie die relevanten Informationen sehen, die zur Identifizierung von potentiellen Attentätern führen könnten. Statt mit Nacktscannern einen weiteren Anschlag auf unsere Privatsphäre zu verüben, sollten sie es vielleicht mal mit „Nexus One“ und „Googles“ versuchen.

Aktueller Termin

Treffen Sie mich vom 19. bis 23. Juli 2010 in Frankfurt, Stuttgart oder München

Weitere Artikel

Aktuelle Leseprobe

Unternehmen entdecken das Mitmach-Web

Die Weiterentwicklung des Internets zu einem interaktiven Web, in dem jeder mit wenig Aufwand und Know-how und Inhalte... Weiterlesen